Süchtig nach dem Internet

4. Februar 2008 von Melanie Huber

Am 25. und 26. Januar lud der Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe zur Konferenz „Mediensucht: Computer, Fernsehen, Handy … moderne Gefahren“ nach Berlin ein. Auf der ersten Veranstaltung dieser Art in Deutschland wurde intensiv darüber diskutiert, welche psychischen und physischen Folgen die übermäßige Nutzung des Computers habe – vor allem für Jugendliche und Kinder. Manfred Beutel von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Mainz warnte vor Übergewicht aufgrund des Bewegungs- und Schlafmangels und vor Haltungsschäden. Dass übermäßige und einseitige Beschäftigungen nicht gesund sind und das Internet mit den vielen Spielen und Anwendungen ein echtes Suchtpotenzial in sich birgt, möchte ich nicht bestreiten. Hier müssen Eltern noch viel mehr hinschauen und beobachten, was ihre Kinder vor dem Rechner so treiben. Und es ist richtig, über Konferenzen und Berichte aufzuklären.
Doch ich möchte trotzdem zumindest auch auf die positiven Auswirkungen der Computernutzung hinweisen. Ist es nicht besser, im Chat mit Gleichgesinnten Erlebnisse auszutauschen als stumm vor dem Fernseher zu hocken? Haben Online-Rollenspiele nicht auch einen erzieherischen Wert, vermitteln sie vielleicht sogar soziale Kompetenzen, die ein Einzelkind im Familienalltag nicht benötigt und somit nicht erlernt? Und kann der Umgang mit dem Computer und Technologien eventuell später im Beruf nützlich sein? Es geht um das richtige Maß und die Anwendung, um Ausgewogenheit. Einige Gedanken hierzu:

  • Ein Mensch, der über gute kommunikative Fähigkeiten verfügt, kann sich im Netz ebenso gut verständig machen wie im „wahren“ Leben.
  • Wer sich in die Fantasiewelten von Büchern vergräbt, hat vermutlich größere Kontaktschwierigkeiten als ein intensiver Chatter oder Rollenspieler.
  • Jemand, dem es schwerfällt, Kontakte zu knüpfen, kann über virtuelle Freundschaften motiviert werden, auch vor der Haustür selbstbewusster aufzutreten.
  • Durch das sinnvolle Nutzen informativer Anwendungen im Web lässt sich Zeit sparen – auch bei Hausaufgaben. Diese gewonnene Zeit mit Sport und echten Freunden zu verbringen, kann nur durch die Eltern erreicht werden.
  • Viele Kinder und Jugendliche wären froh, mal gemeinsam mit ihren Eltern in das Netz einzutauchen. Wer das Hobby der Kinder als sinnlos abtut, wird es schwer haben zu ihnen durchzudringen.

Eine Reaktion zu “Süchtig nach dem Internet”

  1. Andrea Vogler

    Hallo,

    Unbestritten gibt es Menschen - ich möchte es nicht auf Jugendliche beschränken - die extrem viel spielen, surfen, spezifische Filme schauen und, und, und. Ich denke nicht, dass Rollenspieler, PC-Spieler oder Konsolenspieler Spezies sind, die es zu bedauern gilt. Denn ich glaube, dass die Fälle, die wir öffentlich gezeigt bekommen, zumeist nur die Beispiele sind, die sich in Sucht oder extremes Verhalten verrannt haben. PC- oder Konsolenspiele sind ihre Werkzeuge, sich zurück zu ziehen und abzuschotten. Daher werden mit ihnen gleich alle Spieler negativ bewertet.

    Dass es höchst “normale” Spieler gibt, dass Spielen - wie Du und ich es früher mit den Eltern und Freunden auch taten - höchst soziale Kompetenzen schärfen kann und dass Online-Spielen heutzutage eine Brücke baut zwischen Freunden, die ich durch Job und Familie nicht mal eben zum Siedler-Abend treffen kann - das sind die Argumente, die für mich zählen, oft aber im öffentlichen Diskurs komplett ausgeblendet werden. Das finde ich sehr schade. Ich bin selbst Spielerin. Natürlich gibt es Gruppierungen, die anscheinend kaum ein Privatleben führen. Genauso gibt es aber auch den Gegenbeweis: Freunde, mit denen ich mich zum spielen verabrede, haben Partnerschaften, einen Job und ein erfülltes, und sehr normales Leben.

    Ich möchte sehr deutlich sagen, dass Kontrolle und Spiele-Indizes wichtig sind, so wie wir es vom Kino auch kennen. Dennoch bin ich der Ansicht, dass viele gute Aspekte des Spielens nicht betrachtet werden. Schach schärft die taktischen Fähigkeiten? Die Gamer sind eine sehr moderne Zielgruppe. Deswegen muss es uns nicht wundern, dass Spiele, die sogar weitaus komplexer als Schach sind, im Internet angeboten und gespielt werden. Jeder Online-Rollenspieler war wahrscheinlich schon jahrelang aktiv, als es hieß, mit Second Life gäbe es ein vollkommen revolutioniertes Angebot einer Online-Welt.

    Wie bei jeder anderen Technik, jedem anderen Hobby auch, kommt es in meinen Augen auf das Maß halten an. Beginne ich mich, in einer Ersatzhandlung zu verlieren, ist das nicht gesund. Das ist aber keinesfalls auf computergestützte Handlungen beschränkt. Das Positive: Bei einem verantwortungsvollem Umgang mit Spielen insgesamt kann ich entspannen, lernen, mich im virtuellen Wettstreit mit anderen messen, soziale Kontakte aufbauen und Freundschaften pflegen.

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