Themenfindung: Schadenfreude als Motiv?
11. März 2008 von Melanie HuberWas bringt klassische Journalisten, Blogger, Foren-Mitglieder dazu, ein Thema aufzugreifen? Natürlich haben Success-Stories, Skurrilitäten, Herz-Schmerz und Schrecken große Chancen auf Veröffentlichung. Doch wie alltäglichen Austausch erfreuen sich Nachrichten über Misserfolge, Pleiten, Pech und Pannen besonders großer Beliebtheit. Das ist nicht verwerflich, vielmehr menschlich. Und dennoch schade, vor allem für jene, die nach einer Schlappe der Durchbruch gelungen ist.
So kursierte vor knapp zwei Monaten die Meldung, das WAZ-Portal Der Westen habe arge Einbrüche bei den Zugriffszahlen einstecken müssen. Zahlreiche Blogger und Redakteure griffen das Thema auf, kommentierten, spekulierten über die Gründe, und Online-Chefin Katharina Borchert musste sich in diversen Interviews für den ausbleibenden Erfolg rechtfertigen. Nun hat sich das Blatt gewendet. Der Westen verzeichnete im Februar 2008 einen Zuwachs der Pageimpressions um rund 62 Prozent – und das, während die meisten reichweitenstarken Onlineseiten Einbußen hinnehmen mussten. Horizont, Kress und Turi2 gehören zu den wenigen, die diese Nachricht aufgriffen. Und so listet Google auch die überholte Spiegel-Meldung “‘Der Westen‘ kostet die WAZ Leser“ ganz weit vorn – und eben nicht einen Bericht über die Kehrtwende. Dabei wäre es doch wirklich spannend zu lesen, wie der Durchbruch gelang, künftig ausgebaut werden soll und was andere Portale davon lernen können.
Gerade im Internet, wo alles dokumentiert und nachlesbar ist, lassen sich negative Meldungen nur schwer von Erfolgsgeschichten verdrängen. Vielleicht gerade weil Schadenfreude stärker beim Leser ankommt, sollten Redakteure wie Blogger sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Ausgewogene Berichterstattung ist ein wichtiges Merkmal seriöser Berichterstattung. Wer heute ein Produkt, ein Unternehmen oder ein Online-Angebot (berechtigt) kritisiert, sollte sich hin und wieder damit befassen, ob sich nicht etwas verändert hat, die Kritik Wirkung gezeigt hat – was ja ein letztlich eine größere Befriedigung für den Autor bedeutet als einmaliges Draufdreschen. Aus den Augen, aus dem Sinn führt im Web zu einem falschen Bild.
Nachtrag: Inzwischen gibt es auch bei Basicthinking einen Beitrag zum Thema.
Am 9. April 2008 um 22:08 Uhr
Schwachsinn: Die Zunahme im Februar lag nur an den Bilderstrecken zum Thema Karneval, die auch noch im März spürbar war (-11 %). Seriöser ist es, auf die Visits zu schauen. Und da kann man sehen, dass der westen trotz massiver Investitionen nach wie vor unter dem Niveau der Einzeltitel herumdümpelt.
Am 10. April 2008 um 08:36 Uhr
Trotzdem sind die Visits gestiegen - im Februar waren es 2,8 Millionen, im März 3,1 Millionen. Man muss einfach etwas Geduld haben.