Bloggen Frauen anders?

27. März 2008 von Melanie Huber

Der Medienwissenschaftler Jan Schmidt äußert sich im heute veröffentlichten Interview mit dem Tagesspiegel zu den Unterschieden zwischen Bloggern und Bloggerinnen. Er sagt: „Frauen bloggen überproportional häufig über persönliche Erlebnisse.“ Das Blog einer Frau sei meist „eine Art Online-Tagebuch“. Männer hingegen „wollen häufig ihr Wissen mit anderen teilen und bloggen deshalb über Themen, die für eine größere Masse relevant sind“. Als Frau, die hier hoffentlich kein Tagebuch führt, muss ich dem natürlich widersprechen – beziehungsweise eine neue, ergänzende These aufstellen: Nicht das Geschlecht entscheidet über den Inhalt von Blogs, sondern die Intention des Autors.

Gerade unter den bekanntesten und beliebtesten Bloggern gibt es überdurchschnittlich viele Freiberufler und selbstständige Berater, vor allem aus dem Umfeld der Online-Kommunikation. Diese „nutzen“ ihre Weblogs natürlich auch dazu, ihr Wissen und ihre Qualifikation zu dokumentieren. Über die Themenauswahl können sie sich als Experten positionieren und möglicherweise neue Kunden akquirieren. Letztlich sind so viele der sogenannten A-Blogs nichts anderes als Corporate Blogs.

Die Studie Genderaspekte in der Existenzgründung und Selbstständigkeit zeigt auf, dass überdurchschnittlich viele Frauen (62 % vs. 38 % der Männer) die Selbstständigkeit als Zuerwerb nutzen, sich also neben um Familie und Haushalt kümmern und der Beruf eine Art Nebenjob darstellt. Unter den Vollzeit-Selbstständigen gibt es hingegen überdurchschnittlich viele Männer – 76,9 Prozent der Selbstständigen, die dies als Haupterwerb sehen, sind Männer.

Übrigens gibt es im Süden Deutschlands mehr haupterwerblich tätige selbstständige Frauen als im Norden. Jetzt wäre es natürlich spannend, zu untersuchen, ob es im Süden mehr Bloggerinnen mit massenrelevanten Journalen gibt als im Norden… Eine Stichprobe: Anke Gröner kommt aus Hamburg, Nicole Simon wohnt in Lübeck, die teilweise selbstständigen Bloggerinnen vom Hauptstadtblog sitzen auch im Norden, Anne Roth lebt ebenfalls in Berlin, Meike Richter kommt aus Hamburg, Nicole Ebber lebt in Köln und die whois-Gründerin Ulrike Reinhard hat ihren Firmensitz in Neckarsteinbach; das liegt zwar im Süden, doch es zeigt sich, dass scheinbar deutlich mehr bloggende Unternehmerinne und Freiberuflerinnen im Norden leben. Womöglich inspiriert Norddeutschland Frauen zwar weniger zur haupterwerblichen Selbstständigkeit – dafür aber zum thematischen und nicht tagebuchartigen Bloggen. Ob das bei den Männern ähnlich ist? Und wieso scheint es so wenig ambitionierte Bloggerinnen im Süden zu geben? Hat die Selbstständige im Süden weniger Zeit? Fest steht, es gibt eindeutig weniger bekannte Bloggerinnen als Blogger, und das ist schade.

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9 Reaktionen zu “Bloggen Frauen anders?”

  1. JanSchmidt

    Hallo, danke für die Ergänzungen bzw. weiterführenden Gedanken, gerade die regionalen Unterschiede wären mal eine weitere Untersuchung wert.
    Kurz nur noch zu einer Sache: “Nicht das Geschlecht entscheidet über den Inhalt von Blogs, sondern die Intention des Autors” - das unterschreibe ich voll und ganz, denn in der Tat sind Bloggerinnen nicht per se Tagebuchschreiberinnen, und umgekehrt sind auch Blogger nicht per se A-List oder Wissensblogger. Im Gegenteil, auch unter den Bloggern ist der Anteil derjenigen Leute besonders hoch, die in ihrem Blog v.a. über persönliche Themen schreiben, es also als eine Art persönliches Online-Journal (im weiten Sinn) nutzen. Allerdings ist der Anteil der Frauen noch einmal deutlich höher - in dem hier (http://www.schmidtmitdete.de/archives/103) verlinkten Paper ist das auch nochmal auf Basis einer empirischen Befragung dargestellt; z.B. “Inhalte meines Blogs: Berichte, Episoden und Anekdoten aus meinem Privatleben” - Männer 68,5 Prozent, Frauen 84,0.
    Die Motive und Inhalte eines Blogs hängen also statistisch mit dem Geschlecht zusammen, ohne dass man aber eine direkte und eindeutige Ursache-Wirkung-Aussage draus ableiten könnte.

  2. Schmidt mit Dete » Geschlechterunterschiede in der Blogosphäre

    [...] Kilroy Blog [...]

  3. Schmidt mit Dete » Ich bin ein Tratscher (sagt der Tagesspiegel)

    [...] Kilroy Blog [...]

  4. Melanie Huber

    Die Ergebnisse der Studie sind wirklich spanend. Mich würde allerdings noch interessieren, ob es hier altersspezifische Daten gibt. So sind ja viele “A-Blogger” eher +30 - könnte es sein, dass die Anekdoten-Bloggerinnen eher jünger sind? Und ändern sich die Inhalte der Blogs von Frauen mit zunehmendem Alter? Oder auch die der Jungen / Männer?

  5. JanSchmidt

    Ja, die Effekte gibt es, und zwei Variablen spielen da eine Rolle: Das Lebensalter eines Bloggers und das Alter eines Blogs (also quasi die Erfahrung eines Bloggers mit dem Format); beides hat Einfluss auf die Art und Weise, wie gebloggt wird. Ganz allgemein: Das Alter des Bloggers beeinflusst die Motive und Themen, also die Art der Selbstdarstellung; das Alter des Blogs v.a. den Umfang von sozialen Netzwerken, die durchs Bloggen gepflegt werden, die Anzahl der Blogs, die regelmäßig verfolgt werden, etc. Die Unterschiede zwischen Teenagern und Erwachsenen haben wir z.B. in diesem (englischsprachigen) Paper mal genauer untersucht: http://www.fonk-bamberg.de/pdf/fonkpaper0702.pdf

    Eine Aufteilung sowohl nach Geschlecht als auch nach Alter haben wir in keiner Publikation dokumentiert, aber ich hab grad mal in die Daten geschaut, und der Zusammenhang zeigt sich recht schön, d.h. es finden sich Unterschiede sowohl zwischen den Geschlechtern als auch zwischen den Altersgruppen:

    Anteil der Leute, die bloggen, “um mir gefühle von der seele zu schreiben”
    männliche Teenager: 52%
    männliche Erwachsene: 32%
    weibliche Teenager: 79%
    weibliche Erwachsene: 50%

    Anteil der Leute, die bloggen, “um mein Wissen in einem Themengebiet anderen zugänglich zu machen”:
    männliche Teenager: 42%
    männliche Erwachsene: 46%
    weibliche Teenager: 12%
    weibliche Erwachsene: 24%

  6. Melanie Huber

    Danke für die ausführliche Antwort!

  7. [i:rrhoblog] » links for 2008-04-09

    [...] Bloggen Frauen anders? Als Frau, die hier hoffentlich kein Tagebuch führt, muss ich eine ergänzende These aufstellen: Nicht das Geschlecht entscheidet über den Inhalt, sondern die Intention des Autors. (via) (tags: blogs web2 frauen frauenbild gender genderblog) [...]

  8. Genderblog » Kurz verlinkt in dieser Woche (11.4.2008)

    [...] Bloggen Frauen anders? - Als Frau, die hier hoffentlich kein Tagebuch führt, muss ich eine ergänzende These aufstellen: Nicht das Geschlecht entscheidet über den Inhalt, sondern die Intention des Autors. ( [...]

  9. Jakke

    Die Ergebnisse der Studie sind wirklich spanend. Mich würde allerdings noch interessieren, ob es hier altersspezifische Daten gibt. So sind ja viele “A-Blogger” eher +30 - könnte es sein, dass die Anekdoten-Bloggerinnen eher jünger sind? Und ändern sich die Inhalte der Blogs von Frauen mit zunehmendem Alter? Oder auch die der Jungen / Männer?