Medientraining: Top 10 der Ausreden

27. März 2008 von Melanie Huber

Medientrainings als Vorbereitung auf Gespräche mit der Presse sind nach meiner Ansicht unerlässlich. Ein Geschäftsführer, Politiker oder Marketingleiter kann noch so wortgewandt sein, wenn es um die Darstellung der eigenen Person oder Botschaften gegenüber Journalisten geht, wird sich viel zu schnell verhaspelt, werden falsche Akzente gesetzt, zu ausführlich berichtet oder im schlimmsten Fall Interna ausplaudern. Und dennoch: Viele sträuben sich vor dieser Trockenübung, aus den unterschiedlichsten Gründen. Hier die Top 10 der schlechtesten Ausreden, um am Medientraining vorbei zu kommen (und gleich dahinter die Erwiderung):

1. Ich muss noch so viel am eigentlichen Produkt arbeiten, für ein Medientraining bleibt da keine Zeit. – Doch, die sollten Sie sich nehmen. Sie arbeiten doch nicht so hart, um dann nicht beachtet zu werden.

2. Ich hab‘ sowas schon mal gemacht (vor zwei, drei Jahren…). – Das ist egal und vermutlich zum Großteil vergessen. Ein Medientraining sollte man alle sechs Monate wiederholen, zumindest wenn man zwischenzeitig keinen regelmäßigen Kontakt zur Presse hatte.

3. Ich bin ein prima Verkäufer und habe schon unzählige Verkaufstrainings absolviert, da werde ich das mit der Presse auch hinkriegen. – Auch wenn das Verkaufen dem Vermitteln von Botschaften und Darstellen eines Produktes ähnelt, kann der Journalist nicht als Kunde betrachtet und behandelt werden. Kaufen soll ja der Leser, der Journalist soll motiviert werden, nachzufragen, zu recherchieren und sich näher mit dem präsentierten Thema zu befassen.

4. Die fragen und schreiben ja doch, was sie wollen. – Ja, wenn man sich nicht mit den Medien zusammensetzt. Ansonsten kann man steuern. Und wer sich ordentlich vorbereitet, wird nur von wenigen Fragen überrascht.

5. Man kann ohnehin nicht jede Situation voraussehen und trainieren. – Nicht jede, aber einen Großteil. Und das gibt Sicherheit – auch für die unerwarteten Situationen.

6. Die paar Fragen gehe ich am Abend vorher mit meinem Mann durch. Der kennt mich eh‘ am besten und sagt mir, was ich nicht so gut mache. – Gerade Personen, die einem nahe stehen, halten sich selbst mit berechtigter Kritik oft zurück. Und man nimmt Anmerkungen von Freunden oder Partnern nicht so an wie die von einem unabhängigen Experten.

7. Das Medientraining könnte an meinem Selbstbewusstsein kratzen und nachher würde ich mich nicht mehr so gut darstellen können. – Im Gegenteil: Das Training bringt viel mehr Sicherheit und bestätigt ja auch.

8. Im Notfall sind Sie ja auch noch dabei und können mir helfen. – Meist ist es dann schon zu spät, und ein schlechter Eindruck bleibt. Ein Begleiter kann Ihnen unter dem Tisch gegen das Bein treten, doch vermutlich haben Sie dann schon zu viel oder das Falsche gesagt.

9. Meine Natürlichkeit kommt doch viel besser an. – Übung nimmt nicht die Natürlichkeit, sondern unterstreicht sie vielmehr. Man muss nicht „unnatürlich“ bei jeder Frage überlegen und darüber nachdenken, ob das Gesagte passt.

10. Meine Kollegen, Parteifreunde, Sportkameraden und Mitarbeiter sagen, ich sei so ein tollere Redner. - Ob die immer die Wahrheit sagen? Und wer gute Reden hält, kann noch lange keine guten Gespräche führen.

Vertiefende Informationen zum Thema finden Sie hier:

Die BBC bietet kostenlose Kurse, die auch die eigenen Mitarbeiter nutzen. Eine gute Einstiegshilfe.

Was passiert, wenn man das falsche oder kein Training hatte, zeigt blog5.

Das PR Trainingslager hat ein Video-Interview zum Umgang mit Journalisten erstellt.

Dokumentation eines (nicht ganz so gelungenen) Medientrainings bei brandeins.

Eine Reaktion zu “Medientraining: Top 10 der Ausreden”

  1. Andrea Vogler

    Eine Investition in eine Medienvorbereitung zeigt in meinen Augen, wie viel sich der Unternehmer selbst Wert ist, um souverän anzukommen. Außerdem zeigt es den Respekt vor dem Journalisten, gut vorbereitet im gemeinsamen Gespräch anzutreten. Zu verschiedenen Punkten:

    1. Ich muss noch so viel am eigentlichen Produkt arbeiten, für ein Medientraining bleibt da keine Zeit.
    Ich sag`s mal mit Henry Ford: “Wenn Sie einen Dollar in Ihr Unternehmen stecken wollen, so müssen Sie einen weiteren bereithalten, um das bekannt zu machen.”

    2. Ich hab‘ sowas schon mal gemacht (vor zwei, drei Jahren…).
    Produkte und Unternehmen verändern sich - damit natürlich auch die kommunikativen Schwerpunkte und Botschaften. Sie müssen überarbeitet und angepasst werden.

    3. Ich bin ein prima Verkäufer und habe schon unzählige Verkaufstrainings absolviert, da werde ich das mit der Presse auch hinkriegen.
    Ein Journalist hat weiter gehende Bedürfnisse als ein Kunde. Beispielsweise wird ein Radioredakteur mit einem schicken Foto wenig anfangen können, sondern wird den knackigen O-Ton in 15-20 Sekunden benötigen. Ein Journalist von tagesaktuellen Medien wird andere Antworten brauchen, als ein Fachjournalist. Auf all diese Unterschiede gilt es sich einzustellen. Sprich: man muss sich bewusst machen, wer das Gegenüber ist und welche Bedürfnisse er im Gespräch haben wird.

    5. Man kann ohnehin nicht jede Situation voraussehen und trainieren.
    Das stimmt - aber das ist kein Freifahrtschein. Jemand der auf mich als Journalist eingehen kann, weil er sich bewusst ist, dass ich jetzt noch dieses tolle Bild brauche, kommt besser an. Außerdem können Gestammel und Gestotter vermieden werden. So viel Vorbereitung wie möglich, so viel Flexibilität wie nötig.

    zu 6. und 10.
    Personen aus dem eigenen persönlichen Umfeld bewegen sich nicht zwingend im PR-Fach, in der relevanten Teilöffentlichkeit oder als Journalist und können deren Ansprüche nachvollziehen. Mehr als eine freundschaftliche und sehr subjektive Einschätzung kann an dieser Stelle also nicht erwartet werden. Zur Vorbereitung einer wichtigen Rede oder eines wichtigen Gesprächs ist daher ein professioneller Beobachter und Trainer nötig.

    7. Das Medientraining könnte an meinem Selbstbewusstsein kratzen und nachher würde ich mich nicht mehr so gut darstellen können.
    Aus Fehlern lernt man. Deswegen lieber Federn im Trainingslager lassen, als auf dem Platz.

    8. Im Notfall sind Sie ja auch noch dabei und können mir helfen.
    Der Experte, Entscheider und Macher ist nicht der PR-Berater. Daher wird der Journalist auch ein Zitat oder einen O-Ton vom Berater wenig gebrauchen können. Er sucht nach dem Vorstand, dem Geschäftsführer, Firmenchef oder Abteilungsleiter als Ansprechpartner.

    9. Meine Natürlichkeit kommt doch viel besser an.
    Meines Erachtens können sich auf einer Pressekonferenz oder im Redaktionsgespräch nur die Personen wirklich natürlich bewegen, die sich in diesen Situationen häufig bewegen. Für viele ist diese Situation sehr exzeptionell und mit dementsprechend viel Stress und Aufregung verbunden. Diese Barrieren können nur durch Übung abgebaut werden - aber den Journalisten muss man dann ja nicht gleich als Versuchskaninchen missbrauchen.

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