Interview mit Andy Oakes über China, Tibet und die Olympischen Spiele
28. März 2008 von Melanie Huber
Der britische Autor Andy Oakes nimmt seine Leser mit auf die Reise in eine fremde Welt. Seine Krimis spielen im modernen China, das geprägt ist von Korruption und Gewalt. Im Interview spricht er über die aktuellen Unruhen in Tibet.
Lieber Andy, vor einigen Monaten ist Ihr Roman Goldener Reis in Deutschland erschienen. Es handelt sich dabei um einen Krimi, der in China spielt – ebenso wie Ihr Buch Drachenaugen. Was macht die chinesische Kultur so interessant für Sie?
Andy Oakes: Ich schätze: Vieles. Ich interessiere mich sehr für „in sich geschlossene“ Gesellschaften, den Kommunismus und politische Instrumente, die Menschen in Schranken verweisen und ausgrenzen. China bietet mir als Autor vielfältige Inspiration, die Landschaft, den Großmut der Bevölkerung, eine weit zurück reichende Geschichte… aber es bietet mir auch seine dunklen Schattenseiten, das Verhalten gegenüber Frauen, Tötungszimmer, in denen weibliche Babies sterben, die schreckliche „Ein-Kind-Regel“ u.v.m.
I guess lot’s of things. I’m very interested in ‘closed’ society’s, communism, and plotical process that push people to the edge and which marginalises them. China offers me as a writer wonderful things, such as the landscape, the generosity of the people, a rich history… but it also offers me its very dark under-belly, its attitudes to women, killing rooms where baby girls are left to die, the disastrous ‘one child policy’, etc; etc;
Woher nehmen Sie all die Details und Insider-Informationen für Ihre Romane?
Andy Oakes: Ich habe ein Netzwerk mit Kontakten in China; Menschen geben mir Informationen und riskieren dabei viel….
I have a network of contacts in China, some who give me information at great personal risk…
Während der vergangenen Wochen haben wir viel gehört und gesehen über die Unruhen in Tibet und Übergriffe der chinesischen Armee. Überrascht Sie dies?
Andy Oakes: So wie China regiert und die Bevölkerung lange Jahre unterdrückt wurde, hat das Regime dort eine Vielzahl unterschiedlicher Probleme angehäuft, mit der sich die Volksrepublik in Zukunft auseinandersetzen muss: Das unglaublich schnelle Wirtschafts-Wachstum hat eine wachsendesökologische Katastrophe herbeigeführt; die Tatsache, dass jedes 100. Baby ein Mädchen ist – nur jedes 115. Baby ist männlich – führt zu einer großen Abweichung beim Verhältnis der Geschlechter; zudem gibt es die spezielle Ausprägung des Kapitalismus‘, wie er in China praktiziert wird und keine Rücksicht auf die Bevölkerung nimmt.
In the way that China has been governed and the people supressed for many years, the regime there has ‘collected’ a variety of very difficult problems that they will have to address in the future. The rapid economic rise has caused a growing ecological disaster. The fact that for every 100 baby girls born - 115 baby boys are born, thus causing a major discrepancy in the balance of the sexes. The particular rabid brand of capitalism that is practised in China and that has no regard for the people.
Viele Menschen – darunter viele Blogger – fordern einen Bokott der Olympischen Spiele in China. Was denken Sie darüber?
Andy Oakes: Das ist eine schwere Frage; die beste Möglichkeit, darauf zu antworten, ist dass sich jeder Athlet tief im Innersten damit befassen sollte. Wie auch immer, wäre ich ein für die Spiele qualifizierter Athlet, würde ich nicht an einem Wettbewerb in einem Land teilnehmen möchten, das Tibeter tötet.
A difficult question, my best way of answering is that each athlete going to China really has to search their own souls over this. However, if I were an Olympic standard athlete I would not want to take part in a games, in a country that is killing Tibetans.
Wie schätzen Sie die Einstellung der chinesischen Bevölkerung gegenüber ihrer Regierung ein – insbesondere in Bezug auf ihr Vorgehen in Tibet?
Andy Oakes: Ich hasse jegliche Form der Unterdrückung von Menschen, insbesondere von so großmütigen und kultivierten Menschen wie den Tibetern. Ich denke wir werden in den nächsten Monaten das Beste und zugleich Schlimmste von China sehen. Wir werden die fantastische Organisation und Zurschaustellung der Olympischen Spiele beobachten, und wir werden Blut auf den Straßen in Tibet sehen. Es besteht kein Zweifel daran, dass wenn die Proteste in Tibet zu Maos Zeiten aufgekommen wären, die chinesischen Gewalttaten gegenüber den Demonstranten deutlich heftiger gewesen wären… wie auch immer, die Welt muss der chinesischen Regierung klarmachen, dass solche Gewaltanwendungen vollkommen unakzeptabel sind. Es betrübt mich, dass die einst so edlen Worte von Mao und dem Kommunismus heute allein dazu genutzt werden, Menschen durch die Chinesische Kommunistische Partei zu unterdrücken. Die Menschen, die nach dem Maoismus frei sein sollten, die Bauern, sind heute die am meisten unterdrückten Menschen in China… neben dem, dass ihnen Grundbesitz genommen wurde und sie die ökonomische Situation auf dem Land dazu zwingt, in die überbevölkerten Städte zu fliehen. Unter der Landbevölkerung wächst eine tiefe Wut, es gibt zivile Unruhen und Proteste innerhalb Chinas… so wie die Regierung die Bevölkerung heute behandelt, werden die Probleme für die Zukunft aufbewahrt.
I hate any repression of people, especially of such noble and cultured people as the Tibetans. I guess that over the next few months we will see the very best and the very worst of China. We will see the marvelous organisation and displays during the Olympics, and we will see blood on the streets in Tibet. There is no doubt that if the protests in Tibet had happened in Mao’s day, Chinese violence towards the protesters would have been even more extreme… however, the world needs to register to the Chinese government that such violence is totally un-acceptable. On a day to day basis, it is sad for me that the once noble words of Mao and communism are now purely being used by the Chinese Communist Party to suppress the people. The people that Maoism was supposed to free, the peasant classes, are the most oppressed people in China today… with their land being taken from them and the economic situation in the country forcing them to flee to the overcrowded cities. A deep anger is growing amongst the huge peasantry, as is civil unrest and protests within China… the government are simply storing up problems for the future in the way that it governs its people now.
Und die Medien und die Engländer? Was denken sie und schreiben sie über diese Problematik?
Andy Oakes: China liegt weit entfernt von Gro0britannien, und während der vergangen zwanzig Jahre sind die Engländer unpolitischer geworden. Insgesamt sind sie besorgter über Probleme in ihrer unmittelbaren Nähe geworden, ebenso wie Menschen wie wir sie sind sich immer um Ungerechtigkeit kümmern.
China is a long way from the UK, and over the last twenty years people in the UK have become less political. On the whole they are much more concerned about problems nearer to home… although as a people we are always concerned about injustice.
Was würden Sie den Entscheidern raten? Können die Olympischen Spiele zu einer Verbesserung des Verhältnisses zwischen China und den Tibetern führen?
Andy Oakes: Wir müssen begreifen, dass sich der Charakter eines Chinesen sehr von dem eines Europäers unterscheidet… und dass Drohungen gegenüber China und der Politik des Landes einfach nicht funktionieren. Die Chinesen sind grundsätzlich sehr besorgt darüber, ihr „Gesicht zu verlieren“, das ist äußert wichtig für sie… und somit müssen wir ihnen die Möglichkeit lassen, sich von der grausamen Position abzukehren, ohne sie in die Ecke zu drängen. Wie auch immer… was können unsere Politiker bezogen auf China unternehmen, das über die größte stehende Armee der Welt verfügt und die größte wirtschaftliche Macht weltweit innerhalb der nächsten zehn Jahre besitzt?
We have to understand that the Chinese character is very different from the European character… and that us making threats to China and its politicians simply does not work. They are always very concerned about ‘loss of face’, this is most important to them… and so we have to allow them to back away from this dreadful position without pushing them into a corner. Anyway… what can our politicians do about China, who has the largest standing Army in the worlds and which will be the greatest economic power in the world within the next 10 years ?
Worin bestehen nach Ihrer Meinung die größten kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen China und Europa?
Andy Oakes: Es gibt so viele Unterschiede. Die chinesische Einstellung gegenüber Frauen; sie bezeichnen weibliche Babies noch immer als „verschüttetes Wasser“, was bedeutet, sie seien wertlos. Dass wir nach Individualität streben – während in China der Kollektivismus das Ziel ist.
There are so many differences. Their attitude to women, they still refer to baby girls as ’spilt water’, meaning that they are worthless. That we strive for individualism - whilst in China that they strive for collectivism.
Was sind für Sie die faszinierendsten und bewundernswerten Charaktereigenschaften der Chinesen?
Andy Oakes: Sie sind unglaublich belastbar und tapfer… häufig auch angesichts widriger Umstände. Sie sind sehr kultiviert und lieben die Kunst. Und sie haben einen unglaublichen Sinn für Humor.
They are incredibly resilient and brave… often in the face of great adversity. They are very cultured and love art. They also have a wonderful sense of humour.
Was wäre Ihr Rat, um eine Richtungsänderung herbeizuführen?
Andy Oakes: China verändert sich und hat sich in den vergangen zehn Jahren auf verschiedene Weise am Weltgeschehen beteiligt. Es nimmt eine immer weniger aggressive Haltung an. Wie auch immer müssen sie erkennen, dass Wandel nicht grundsätzlich gesteuert und manipuliert werden kann. Veränderung kann schmerzhaft sein und man macht vielleicht Fehler dabei… aber diese Fehler sind häufig notwendig und können einen großen Wissensgewinn bewirken. Man muss sich nur die europäische Geschichte anzuschauen, um dies zu verstehen.
China is changing, and over the past ten years has really ‘joined’ the world in many ways. It is also taking a far less aggressive posture. However, they need to realise that change cannot always be managed or manipulated. Change can be painful and you might make mistakes along the way… but those mistakes are often necessary and can contain a great deal of knowledge. You only have to look at European history to understand that.
Wäre es möglich, dass die fiktiven Geschichten aus Ihren Büchern wahr würden?
Andy Oakes: Wer sagt, dass meine Romane fiktiv sind
Vieles, über das ich schreibe, ereignet sich genau jetzt in China… natürlich offensichtlich eingebettet in einen fiktiven Rahmen. Die die Menschenrechte betreffende Problematik, über die ich spreche, ist vollkommen real - Organ-Transplantationen, (räuberische) Organ-Entnahmen, Exekutionen, vermisste Kinder etc.
Who said that my novels are fictitious (smile) ? Much that I write about are things that are occurring in China right now… but obviously set within a fictitious framework. The human rights issues that I talk about, transplantation of organs, organ harvesting, executions, missing children ec; etc; these are all completely true !
Am 28. März 2008 um 12:29 Uhr
[...] Hier geht es zum Interview mit dem [...]
Am 28. März 2008 um 14:01 Uhr
[...] Der britische Autor → Andy Oakes äußert sich in → einem Interview zu China, Tibet und den Olympischen Spielen. [...]
Am 11. Juni 2008 um 08:52 Uhr
Es wäre schön, wenn man eine Fortsetzung ihrer 2 Kriminalromane aus Schanghai lesen dürfte. Beide Bücher machen süchtig nach mehr. Bitte, bitte noch mehr davon. Da meine Frau aus China kommt, weiss ich, dass ihre Geschichten sehr realitätsnah sind. Haben sie eigendlich schon eine Einreisesperre für China erhalten, nachdem sie so direkt über das China schreiben, wo doch die chinesische Mentalität verbietet, Probleme direkt anzustprechen…. Danke für die beiden Romane, es tut gut so etwas zu lesen. Roger