Von Seminaren, guten Vorsätzen und viel zu viel Realität
1. April 2008 von Melanie HuberFortbildungen sind eine gute Sache. Für die Teilnehmer, die Veranstalter und meist auch für die Kollegen. Nur nicht für die Lebensgefährten. Ich muss es wissen, denn mein Mann war zwei Tage lang auf einem Seminar. Jetzt erkenne ich ihn nicht mehr wieder, mich dafür umso mehr. Herr H. sollte sich führen lernen – wozu auch immer – und das ist das Ergebnis: „Also ich bin ein A-Typ, du bist bestimmt C.“ Soso. Dann will er es genau wissen.
Ganz spontan antworte ich ihm so ehrlich wie einst der BRAVO: Nö, sich anbahnende Konflikte vermeide ich eigentlich nicht. Ja klar, Innovation ist wichtig, Erfahrung ist ein guter Ratgeber, bei ernsten Gesprächen ziehe ich eine angenehme Atmosphäre vor… 48 Antworten später steht fest: C, mein Liebster kennt mich, das ist schön. „Ich räum‘ schon mal ab.“ „Schatz, du kannst dich einfach nicht konzentrieren.“ „Nein, ich kann nicht delegieren, sonst würdest du mehr im Haushalt tun.“ „Mein Antreiber ist halt nicht so ausgeprägt.“ „Antreiber?“ Reingefallen, schon steht mir der nächste Test bevor, die Analyse meines mentalen Musters – was so viel heißt wie: 50 Aussagen von „Ich sollte viele Aufgaben noch besser erledigen“ (ich doch nicht) bis hin zu „Leute, die herumtrödeln, regen mich auf“ (total) zu bewerten. Dann ist es raus, ich bin angetrieben von „Mach schnell“. Ja, schnell weg von der Psycho-Couch.
Zum Glück treibt mich nicht „Mach es allen recht“ an, sonst würde ich Herrn H. noch einen Kaffee holen. „Du kannst mich ruhig unterstützen.“ „Mit Kaffee?“ „Ja.“ „Mach ihn doch selbst.“ „Ich kann nicht perfekt sein.“ Allerdings… Herr H. faselt jetzt etwas von Work-Life-Balance. Er habe da eine ganz geniale Idee. Das hört sich gut an. Mehr Zeit für mich; zum Shoppen; für traumhafte Reisen. Er rollt einen riesigen, bekritzelten Flipchart-Bogen auf. Tolle Ideen haben seine Kollegen da notiert, um Beruf und Freizeit in Einklang zu bringen: reich heiraten (zu spät), sich von der Frau um 19 Uhr abholen lassen (da muss ich selbst noch arbeiten), einen Wecker ins Büro stellen (du schläfst doch nicht etwa?)… der Favorit meines Mannes: ein Sabbatical. „Und wer zahlt das?“ „Du arbeitest doch auch.“ „Ja, aber für uns beide?“ „Warum ziehst du mich runter?“ „Wieso willst du nicht mehr arbeiten?“ „Durchbrich‘ doch mal deine Gewohnheiten.“ „Ich mach‘ dir einen Kaffee.“
Einen Arbeitstag später. 22.24 Uhr, mein Mann kommt endlich aus dem Büro. „Morgen stelle ich mir einen Wecker und gehe pünktlich raus.“ Jaja, erzähl’ du mal…