Wenn Journalisten bloggen, Blogger missverstehen und das auch noch öffentlich austragen

13. August 2008 von Melanie Huber

Eine heiße Diskussion läuft seit einem Tag im Blog des Journalisten Peter Glaser. Und die möchte ich Ihnen auf keinen Fall vorenthalten – sofern diese Schmonzette Ihnen nicht schon anderer Stelle begegnet ist. Denn kaum ein anderes Thema heizt die Gemüter im Internet momentan so an wie der Streit zweier “seriöser” Journalisten.

Sie Story:
Peter Glaser, Redakteur und Blogger der Stuttgarter Zeitung, sieht sich als Urheber des Satzes „Die Welt ist eine Google”. Ohne ihn als Quelle für diese nicht allzu abwegige Wortspielerei zu nennen, hat der FAZ-Autor Marco Dettweiler eben diesen Satz in einem Artikel verwendet. Darauf schickte ihm Glaser eine Mail mit folgendem Hinweis: „Wenn Sie mich beim nächsten Mal auch tatsächlich zitieren möchten, habe ich nichts dagegen.“ Dettweilers gepfefferte Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Statt den Streit unter sich auszumachen, stellte Glaser nun den Mailverkehr samt diverser Kommentare seinerseits online. Innerhalb kürzester Zeit schalteten sich Hunderte Leser ein und diskutieren seitdem über Sinn, Recht und Folgen des Streits.

Die Debatte:
Neben denjenigen, die für einen der beiden Betroffenen Partei ergreifen, dreht sich die Diskussion stark darum, wer den größeren Reputationsschaden durch die Veröffentlichung hat. Auf dem ersten Blick scheint Dettweiler der Buhmann zu sein, der zu arrogant und scharf auf Glasers Mail reagiert habe. Andere sehen einen Knick der Reputation Glasers. Es sei arrogant auf die Urheberschaft eines solch banalen Satzes zu pochen; es wurde sogar recherchiert, dass der Satz bereits vor Glaser von anderen verwendet wurde, zum Beispiel von Blogger Nico Lumma, und die ganze Geschichte somit ohnehin eine Farce sei. Ganz besonders erregt die Gemüter, dass Glaser vermutlich ohne die Erlaubnis Dettweilers dessen E-Mail veröffentlicht hat. Dass es bei der aufgeheizten Debatte und den unfreundlichen Worten noch zum Rechtstreit kommen könnte, liegt nahe. Unterhaltsam und ein Lehrstück in Sachen Online-Kommunikation ist es allemal.

Was wir daraus lernen:

1. Stellen Sie nie ohne eindeutiges Einverständnis eine Mail oder einen Brief, die oder der an Sie persönlich gerichtet ist, ins Internet.

2. Gehen Sie entspannt mit Ihrem geistigen Eigentum um. Gerade naheliegende Äußerungen können schon von anderen verwendet worden sein. Google als Recherchequelle ist nicht das Maß aller Dinge. Und vielleicht wurde Ihr sinnreicher Satz ja bereits in einer anderen Sprache benutzt.

3. Der Ton macht die Musik. Eine eindeutig freundliche und humorvolle Mail führt vermutlich zu einer ebenso netten Antwort.

4. Lassen Sie sich nicht provozieren.

5. Wenn die Diskussion ins Rollen gekommen ist – unterbinden Sie sie nicht. Glaser verhält sich diesbezüglich richtig. Selbst Kommentare, die ihn direkt angreifen, redigiert oder löscht er nicht. Das ist ein transparenter und glaubwürdiger Austausch.

6. Der Mensch – und nicht nur der Blogger – liebt Klatsch und Tratsch. Wer eine Geschichte mit Würze online veröffentlicht, muss mit einer intensiven Diskussion darüber rechnen.

7. Blogger sind nicht blöd, und das Kollektiv ist noch viel klüger. Somit sollte man sich beim Aufstellen von Behauptungen schon sehr sicher sein, ob diese so stimmen. Die Leser werden sich auf jeden Fall an die Recherche der Fakten und Hintergründe machen und sehr wahrscheinlich die „Wahrheit“ aufdecken. Vermutlich noch viele andere Leichen drum herum aufdecken und veröffentlichen.

8. Diskutieren Sie mit. Glaser hält sich bei der Debatte in seinem Blog vornehm zurück. Damit schürt er den Disput zwar wenigstens nicht, aber es verwundert doch sehr. In einem Blog geht es nicht nur darum, einen Bericht zu veröffentlichen und Lesermeinungen einzuholen.

9. Bevor Sie einen Bericht in einem Blog kommentieren: Lesen Sie sic vorher die anderen Kommentare durch. Ansonsten kann es – wie bei den Kommentaren in Glasers Blog – zu peinlichen Wiederholungen von Aspekten oder Witzen kommen.

10. Vertrauen Sie nicht (allein) den Suchergebnissen bei Google. Momentan gibt es auf den ersten Ergebnisseiten zahlreiche Fundstellen mit negativen Äußerungen zu Marco Dettweiler. Nur weil er verhältnismäßig unangebracht reagiert hat, ist er noch lange kein schlechter Journalist.

11. Wenn Sie eine Mail eines Bloggers erhalten, sollten Sie zunächst recherchieren, welche Person tatsächlich dahinter steckt. Einen Kollegen auf das Bloggen zu reduzieren, führt unweigerlich zu Protest. Dazu sind Journalisten einfach zu eitel.

5 Reaktionen zu “Wenn Journalisten bloggen, Blogger missverstehen und das auch noch öffentlich austragen”

  1. Chris K.

    Dettweilers Kinderstube ist unterirdisch, zugegeben, aber beinahe noch mehr überrascht mich Glasers merkwürdiger Versuch, eine Art Urheberrecht für ein absolut naheliegendes Wortspiel für sich zu reklamieren. Ein Profi-Autor sollte das besser wissen.

  2. Melanie Huber

    So langsam halte ich das Ganze für eine Inszenierung von beiden Beteiligten - sie wollten mal sehen, wie man die Blogosphäre in Aufruhr bringen kann, beobachten das schön, lachen sich ins Fäustchen und bringen dann einen gemeinsamen Artikel über die Wirkung von Blog-Postings und Manipulierbarkeit der Online-Leser raus… Oder wieso äußern sie sich nicht mehr selbst?

  3. Hans

    @Melanie
    Das vernünftigste was sie machen können um aus der Sch**** wieder rauszukommen. Auch wenn ich nicht an die Inszenierung glaube und die beiden erst ihre Antipathien überwinden und dann glaubhaft leugnen müssen.

  4. Melanie Huber

    @ Hans: Wäre aber zu köstlich… Vermutlich haben sie einfach von ihren Redaktionen einen Rüffel bekommen.

  5. Kilroy Blog » Blog Archiv » Glaser reagiert

    [...] Peter Glaser sich nun lange zurückgehalten hat, postet er einen älteren Beitrag von sich - quasi als Antwort [...]

Einen Kommentar schreiben